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Ein Rückblick auf die Flüchtlingskrise

Wie professionelle und ehrenamtliche Helfer geflohene Menschen in der Wesermarsch versorgt haben.


Von Georg Jauken | DIE NORDDEUTSCHE | 07.09.2018

Berne/Lemwerder.
Drei Jahre sind seit der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin vergangen, in der sie dem Land Mut in der sogenannten Flüchtlingskrise machen wollte. Von der Erklärung Angela Merkels blieb vor allem der Satz hängen: „Wir schaffen das.“ Manche sehen darin bis heute ihr Scheitern in der Flüchtlingspolitik. Für andere wurde er zur Maxime ihrer Unterstützung für die vor Bürgerkrieg, Terror, Verfolgung oder auch lebenslangem Militärdienst geflohenen Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea und anderswo.

Schaffen wir das? Diese Frage hat sich Peter Deyle nie gestellt. Der Geschäftsführer des DRK Wesermarsch koordinierte im Oktober 2015 die eiligst eingerichtete Flüchtlingsnotunterkunft des Landkreises in einer alten Schule in Brake. Die ersten 102 Personen, darunter 18 Kinder und etwa 30 Frauen, waren bis November untergebracht, als in einer Containerklasse zusätzliche Sanitärräume eingerichtet wurden. Das Land hatte dem Landkreis eine Woche Vorbereitungszeit zugebilligt, bevor es die nächsten Flüchtlinge schickte.

„Bis Dezember trafen kurzfristig Busse mit neuen Leuten ein“, erinnert sich Deyle. Darunter waren Frauen, die während ihrer Flucht Kinder zur Welt gebracht hatten. Die Neuankömmlinge hätten ein bis zwei Wochen gebraucht, bis sie sich erholt hatten. Viele waren erkältet und schwach, Kinder hatten Fieber. Der Landkreis stellte unkompliziert Blankotransportscheine und -rezepte zur Verfügung, um sie medizinisch zu versorgen. Doch Ärzte für eine Sprechstunde im Haus zu gewinnen, war schwierig. Schließlich fanden sich einige Ärzte, die sich eigentlich zur Ruhe gesetzt hatten. Bis Weihnachten war der größte Trubel vorbei. Die Unterbringung in den Gemeinden ging voran, Busse mit neuen Flüchtlingen kamen nicht mehr in Brake an. Das Amtshilfeersuchen des Landes, das zur Einrichtung der Notunterkunft geführt hatte, endete im März 2016. DRK und Landkreis rechneten damit, dass nach dem Winter wieder mehr Flüchtlinge kommen würden und wollten die Notunterkunft fortführen.

Das Land lehnte ab. Schließlich beschloss der DRK-Vorstand, die Notunterkunft bis Juli 2016 auf eigene Rechnung weiterzuführen. Die mit dem EU-Türkei-Abkommen vom März 2016 eingeleitete Abschottungspolitik habe sich niemand vorstellen können, erklärt Deyle. Die Zahl der Flüchtlinge, die die Bundesrepublik erreichten, sank drastisch. Die Notunterkunft wurde geschlossen. Übrig blieb ein Integrationszentrum als Anlaufstelle für Familien, die in Brake ein Zuhause fanden und dessen Klöncafé auch von zahlreichen angestammten Brakern besucht wurde.

Zeit der Improvisation

 

Im Rathaus Lemwerder war Jürgen Völke im Dauereinsatz, um die Flüchtlinge und Asylbewerber zu versorgen. „Im Moment ist es noch relativ entspannt. Das kriegen wir hin“, sagte Völke Anfang September 2015 zur Wohnungssituation. Das gelang vor allem dank der Eschhofsiedlung. Weil so manche angekündigte Familie doch nicht kam, zogen vor allem kleine Wohngemeinschaften aus jungen Männer dort ein, die allein aus ihrer Heimat geflohen waren. Für Bürgermeisterin Regina Neuke war es die Zeit der Improvisation.

Beim Blick zurück, erinnert sie sich vor allem an die freiwilligen Helfer, die Neuankömmlinge beim Start in ihr neues Leben als Paten unterstützten und vielfach bis heute begleiten, die sie in Sportvereinen trainieren, Deutschkenntnisse vermittelten, Möbel, Fahrräder und Spielzeuge zur Verfügung stellten und die Sachspenden koordinierten. „Wenn wir nicht aufgepasst hätten, hätten wir heute noch 30 Wohnungseinrichtungen im Keller.“

Gleich mehrmals nennt sie den Namen Jürgen Völke, der junge Flüchtlinge in Sprachlernklassen und in die Jugendwerkstatt Brake vermittelte, der sich um Wohnungen, Möbel, Schulbesuch der Kinder, Arbeitsmöglichkeiten und Ähnliches für zeitweise 150 bis 160 Asylbewerber und Flüchtlinge kümmerte. „Er hat unheimlich viel geleistet in dieser Zeit. Insgesamt ist es in Lemwerder gut gelaufen und läuft immer noch gut.“

Neuke erwähnt auch die Namen Stephanie Feriani, Marina Seedorf, Christa Winkler-Duwe. „Sie wissen, wo jeder einzelne ist und sie machen es aus, dass die Paten immer noch gerne kommen.“ Weil es keine Förderung mehr gibt, lernen die geflohenen Frauen, die damals wegen ihrer Kinder oder aus anderen Gründen nicht an Sprachkursen teilnehmen konnten, sowie erst in jüngster Zeit angekommene Familienangehörige inzwischen wieder in ehrenamtlichen Sprachkursen Deutsch.

In Berne sind die Namen andere, viel Unterstützung für die Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber gab und gibt es auch dort. Besonders beeindruckt haben Jugenddiakonin Sandra Bohlken die vielen Helfer, die mehr als 100 Fahrräder spendeten, reparierten und sie den Flüchtlingen zur Verfügung stellten, sowie die Frauen, „die seit Jahren Sprachunterricht geben“. Inzwischen nähmen auch Polen teil, die zum Arbeiten nach Berne gekommen sind. In der Kreativwerkstatt Machbar werden bis heute Fahrräder repariert. Geflüchtete Frauen kommen dorthin, um etwas zu nähen, zu reparieren und Deutsch zu sprechen. Sie habe aber auch Sozialneid beobachtet, berichtet Bohlken. Die Fahrräder wurden deshalb nach einiger Zeit nicht mehr verschenkt, sondern für den Gegenwert der Reparaturkosten –auch an Arbeitslose – verkauft. „Dass so viele Flüchtlinge gekommen sind, hat den Blick geöffnet für eine pragmatische Hilfe für alle, die auf Hilfe angewiesen sind.“ Für Sandra Bohlken persönlich bedeutete die „Flüchtlingskrise“ neue Freunde und die Erfahrung, wie Menschen mit kleinen Dingen geholfen werden kann. „Wir haben großes Glück, dass die Welt zu uns kommt.“ Positiv erinnert sich auch Regina Neuke an den Herbst 2015. „Für mich war es das Schönste zu erleben, was wir hier für eine tolle Gesellschaft haben“, sagt sie mit Blick auf die vielen freiwilligen Helfer.

Peter Deyle würde am liebsten ein Buch schreiben. Der Titel: 75 Tage im November. So unendlich lang kam ihm die anstrengende Zeit in der Notunterkunft vor, in der viele Probleme nur dank des Vertrauens zwischen den Verantwortlichen im Kreishaus und den Akteuren vor Ort hätten gelöst werden können. Missen möchte er die Erfahrungen nicht. „Es war in der Zeit der beste Job der Welt. Als ich wieder zu mir kam, habe ich zu meiner Frau gesagt, so stelle ich mir einen DRK-Einsatz im Krieg vor. Es war die Zeit, in der man wirklich mal benötigt wurde. Sie hat uns alle geprägt und ich habe gelernt, wie gut es mir geht und in was für einem guten Land ich lebe.“ Dann fällt noch mal der Begriff Abschottung. Deyle: „Ich bin nicht mehr unbedingt stolz, wie manche Dinge in unserem Land ablaufen.“

Deyle und das DRK setzen sich weiter für Flüchtlinge ein. In Elsfleth gab es ein Kunstprojekt zur Traumabewältigung, die entstandenen Bilder werden zurzeit in Hannover ausgestellt. Eine Fortbildung zur Pflegehelferin mit 13 Frauen ohne Zeugnis ist gerade mal zur Hälfte um und fast alle haben eine Arbeitsplatzzusage.